Auf der Suche nach meinem ersten Muscle Car - Teil 1 - die GM Fraktion

Vorwort
Jetzt wird hier mal amerikanisiert. Muscle Cars haben auf mich schon immer eine spezielle Faszination ausgeübt. Meist sehr gross, laut, viel Hubraum, das Bottleneck in der hinteren Fahrzeughälfte, ausnahmslos mit einem V8, antiquierte Fahrwerks- und Bremsentechnik. Kurz; völlig sinnlos. Und damit entspricht dies alles meinen Idealvorstellungen von einem Auto, welches ich um Verrecken haben muss. Nur, bis vor ein paar Jahren hatte ich in dem Bereich in etwa so viel Ahnung über solche Autos wie ein Holzfäller von Gehirnchirurgie. Was folgte war viele schlaflose Nächte und eine schier endlose Reise durch Bücher, das allwissende Internet und eine Menge Lagerhallen und Showrooms. Ich habe mit Leuten gesprochen, die solche Autos besitzen, verkaufen oder so wie ich, haben wollen. Jedoch nicht um jeden Preis...


Was ich mir alles so ausgemalt hatte - Recherche und Theorie
Es gibt ja eine nicht unerhebliche Menge an Literatur zu dem Thema. Meist trocken und fundiert formuliert, aber teils etwas emotionslos. Und dann gibt es noch die verschiedenen Communitys im Netz. Dort finden sich dann auch die Emotionen, welche mich wie die sprichwörtliche Sau durchs Netz trieben und mich in meiner Faszination bestätigten, ich war (erwartungsgemäss) nicht der einzige Bekloppte, der ein (nach heutigen Massstäben) technisch und ökonomisch völlig dämliches Auto sein Eigen nennen wollte.

Taschentücher raus!

Damit wusste ich aber immer noch nicht, welchen dieser zahlreichen Vertreter aus dem Lager der Muscle bzw. Pony Cars ich denn nun gezielt suchen sollte. Sie alle hatten das, was ich auf meinem Wunschzettel notiert hatte. Grosser V8, den Flaschenhals im Heck, eine zweiflutige und nur rudimentär gedämmte Auspuffanlage und vor allem viel Chrom, in welchem sich meine doof grinsende Klappe beim Tanken spiegeln könnte. GM? Mopar? Ford? Klassisch und in Originalzustand oder hochmodifiziert und so richtig übel motorisiert? Zumindest ersteres kristallisierte sich mit der Zeit heraus. Ich hatte keine Lust auf Konflikte mit dem Gesetz und der hier geltenden Bürokratie, wenn es um die Zulassung (m)eines Klassikers gehen sollte. Ich wollte also das Rundumsorglospaket mit einem dem Baujahr entsprechend authentisch aufgebauten Auto, welches im Wert mindestens stabil bleiben sollte. Immerhin, hier hatte ich schon mal für etwas entschieden. Als echte Hilfe bei der Suche erwiesen sich jene Leute, welche mit und in diesen Autos aufgewachsen sind und mir auch mal hinter vorgehaltener Hand sagten, dass es sich bei dem vermeintlich günstigen Schmuckstück um eine Replik bzw. um ein Tribute handelt (nicht der Mazda).

Ich war mir auch von Anfang an bewusst, dass man solch einen Oldie nicht mit denselben Kriterien messen soll, wie man sie bei einem modernen Auto anwenden würde. Sicherheit (Dreipunktgurte) war damals noch nicht so das Thema, ebenso wenig wie der Verbrauch (kann sowieso nicht hoch genug sein) oder enge Spaltmasse. Auch die Dichtigkeit von den Triebwerken und Antriebssträngen sollte nicht immer das letzte Killerkriterium sein, im Gegenteil. Solange unten ein bisschen was raustropft kann man davon ausgehen, dass auch noch Schmiermittel drin ist. Klappern, Scheppern und Quietschen tun sie fast alle und die, welche es aufgrund der gerade erst durchgeführten Restauration nicht tun, werden demnächst damit anfangen.

Nun, irgendwann hatte ich zumindest einen Grundstock an Wissen über die verschiedenen Hersteller, Modelle und deren Feinheiten in meinen Schädel gepackt. Ich wusste, dass ich gerade in den USA die Autos bzw. die Karosseriearbeiten sehr genau anschauen musste. Hier wird leider auch viel gepfuscht, was bei 50+ Jahre alten Autos nicht unerheblich sein kann, wenn es um die sonst schon spärliche Sicherheit geht. Ganz zu schweigen vom Werterhalt und zukünftigen Investitionen. Und was nützt mir ein solch schöner und wohlklingender Haufen Blech, wenn er unter dem auf Hochglanz polierten Lack zu grossen Teilen aus Spachtel, alten Zeitungen oder Knetmasse besteht? Wenn die Elektrik ihren Dienst mittels Stromdieben und zusammengezwirbelten Drähten ihre Dienste nur halbherzig verrichtet? Wenn der Rahmen von einem Blinden geschweisst wurde? Und mittlerweile kenne ich sogar den einen oder anderen Trick, wie man z.B. ein non-matching Numbers Auto zu solch einem Auto machen kann und damit eine Menge Kohle verdient. Fakt; wo man Geld verdienen kann wird auch betrogen. Ich wollte allerdings ungerne einer jener sein, bei welchen sich das vermeintliche Schnäppchen als Fake herausstellt. Mein erstes Muscle Car sollte ein "echtes" sein und kein umgebauter Sechszylinder mit zusammengelöteter Spachtelkarosse ein paar neuen Badges dran. 

Der erste Kontakt - die Praxis
Als sich die Idee von solch einem Benzinvernichter in meiner Garage handfest konkretisierte, gab es für mich nur einen Weg. Ab zu den Wurzeln jener Autos, welche vor allem in den 60er Jahren die Automobilindustrie in den USA beflügelte, nicht zuletzt wegen der Heimlichtuerei von John DeLorean


Ich packte ein Paar Socken und meine Zahnbürste und ging da hin, wo es doch nur so von Muscle Cars wimmeln sollte. Aber was wollte ich denn eigentlich? Ich hatte damals schon keine konkrete Vorstellung, was es denn sein sollte. Und um's vorweg zu nehmen, diese Frage ist bis heute nicht abschliessend beantwortet. Ich konnte mich nicht aus eigener Kraft entscheiden, ich brauchte da die Hilfe von der Schweizer Nationalbank.

Bei unserem ersten Trip nach Florida hatte ich noch keine handfesten Kaufabsichten, ich wollte einfach mal reinschnuppern und schauen, was es denn dort drüben so im Angebot hatte. Also haben wir einfach bei der Planung unseres zweiwöchigen Roadtrips berücksichtigt, wo es denn solche Classic Car Dealer hatte und was da so rumsteht, was ich mir anschauen wollte.

Der erste Händler in Miami versprach vieles, wenn nicht sogar alles. Eine Riesenauswahl, Palmen auf dem Hof und nach seiner eigenen Aussage soll er die erste Anlaufstelle für Hollywood sein, wenn die Filmschaffenden schöne Autos für ihre Werke benötigten. Also steuerten wir am ersten Tag den Showroom jenes Händlers an. Was darauf folgte war gleich die erste harte Begegnung mit der Realität. Die Ausstellung glich eher einem Schrottplatz als einer Sammlung chromverzierter Raritäten. Hier gab es alles zu sehen, was einem die Illusion vom Besitz eines schönen Muscle Cars nicht nur raubt, sondern gleich noch krankenhausreif prügelt. Lieblos zusammengeklempnerte Autos, mit Lackierungen, welche ein Fünfjähriger mit ner Spraydose besser hingekriegt hätte. Hier gab sich eine Bastelbude nach der anderen die Ehre, wenn es darum ging, noch etwas beschissener dazustehen als die Vorhergehende. Dazu standen da Preise, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Von ca. 100 Autos war nicht ein einziges an dem Preis gemessen in akzeptablem Zustand. Vergiss den Fisch hab ich mich selber murmeln hören. Von mir aus können wir auch gleich wieder nach Hause fahren, die Autos hier sind noch schlechter in Schuss als das, was man bei uns zu Sofas und Couchtischen umbaut. Es war zum Heulen.

Zum Glück aber gehöre ich aber nicht zu denen, welche sich vom ersten Eindruck ein abschliessendes Bild machen. Diesen Schrottplatz mit Preisschildern konnte nicht aller Fragen Antwort sein, also haben wir noch andere Händler besucht und dort wurde ich dann auch gleich wieder aufgemuntert, es gab noch Hoffnung, als wir den nächsten Dealer abseits vom schauspielenden Miami mit unserer Anwesenheit belästigt haben.


Der '57er Chevy Bel Air

 
Dieses Prachtstück stand da wie eine geleckte Eins. Nicht zuletzt, weil dieses Auto niemand Geringerem als Nicolas Cage gehört haben soll.


Es ist ja kein Geheimnis, dass der Mann seine Kohle mit der Schneeschippe aus dem Fenster geschmissen haben soll. Und bei diesem Auto scheint eine nicht unerhebliche Menge jenes Geldes, das er heute nicht mehr hat, reingeflossen zu sein. Es gibt dümmere Wege, sein Vermögen auf null zu dezimieren. Es gibt aber auch bessere Schauspieler. Aber dieser Bel Air, der war traumhaft. Leider musste ich über die Jahre hin feststellen, dass solch schöne und solide Exemplare einerseits sehr selten und andererseits auch noch recht teuer sind. Schöner Mist, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.


Und schon ging's los mit meinem ersten Interessenskonflikt. Der Bel Air ist ja eigentlich kein Muscle Car im klassischen Sinne. Die Formen, die fast schon vulgäre Verwendung von poliertem Chrom und das 50er Jahre Design in Verbindung mit einem riesigen BigBlock liessen mich meine Vorstellungen von einem End-60er Auto kurz mal vergessen. Er hatte (eigentlich) alles was ein Muscle Car ausmacht, abgesehen vom Baujahr. Was mich hier allerdings wieder etwas deprimiert vom Hof gehen liess war die Tatsache, dass ich mit so einem Auto (angeblich 600 Pferde an den Rädern) bei der hiesigen MFK (TÜV) nur mit einer schusssicheren Weste aufkreuzen sollte. Ohne immense Nachinvestitionen wäre dieser explizite Bel Air niemals legal auf unsere Strassen zu kriegen. Trotzdem, ich war um eine Erfahrung und die Erkenntnis reicher, dass nicht überall fantasiebepreister Schrott rumsteht. Und losgelassen haben mich die Bel Airs bis heute nie. Wir fuhren weiter...

Der '67-'69er Chevy Camaro
Der nächste Händler hatte keinen Showroom im klassischen Sinne, es war lediglich ein Warehouse, wo die Autos mehr geschachtelt als parkiert herumstanden. Befreit vom Vorurteil, ein seriöser Händler müsse eine durchdesignte Homepage und einen blitzblanken Showroom vorweisen, bin ich relativ wertfrei in die Halle rein. Und da stand er, gleich beim Eingang...



Der 69er Camaro Z28 meiner zukünftigen Träume. Gemäss Zeugenaussagen hatte ich den Kiefer für ca. 30 Minuten nicht mehr zugekriegt und ich weiss noch, dass ich mir im Auto eine Cola holen musste, weil ich keine Spucke mehr zum sabbern hatte. Ich schwänzelte und tänzelte um das Auto rum, durfte ihn anfassen und mich reinsetzen. Das Auto war karrossierietechnisch auf absoluten Top-Niveau, alles passte, funktionierte und der Grossteil der kürzlich durchgeführten Restauration schien fast ausschliesslich mit Neuteilen durchgeführt worden zu sein. Bis auf den Motorblock und das manuelle 4-Gang Muncie-Getriebe, die waren auch noch jene, welche damals im Werk in Norwood ursprünglich eingebaut wurden. Dieser Z28 war ein Matching Numbers Car, was sich in einem nicht unerheblichen Preisaufschlag widerspiegelte. Autsch.

 
Dieser böse Bube mit dem fünf Liter grossen Hochdrehzahl V8 war also eines der eher seltenen Exemplare. Und er hatte mich voll erwischt, ich wollte schon viele Autos in meinem Leben haben, aber das hier ist jenes, welches mir auch heute noch mal ab und zu den Schlaf raubt. Und ich weiss auch, wo dieses Auto zwischenzeitlich gelandet ist, in der wohl sortierten Privatsammlung von Charlie Thomas. Den werd' ich bei Gelegenheit mal kontaktieren...

Auf eine Probefahrt habe ich verzichtet, ich wusste, es würde mir nur das Herz brechen. Der Z28 fiel auch etwas arg aus meinen finanziellen Horizont hinaus, für mich unerreichbar. Damit hatte sich aber der Camaro jener Baujahre bei mir schon mal im Oberstübchen auf der Couch eingenistet, da schlürft er Bierchen, knabbert Chips und schaut zusammen mit dem Bel Air nächtelang fern. Den krieg ich nie mehr raus da.

Und, da waren auch noch eine Menge anderer Camaros, die's mir angetan hatten, so wie auch der schwarze SS im Norden Floridas;


Oder dieses Monster;


Nicht unbedingt einer der schönen Sorte, aber der Motor schien aus einem alten Bugs Bunny Cartoon entsprungen zu sein;

 
9.3 Liter Hubraum, mit dem Drehmoment lässt sich bei Bedarf ein Panzer abschleppen.   


Und nein, das ist nicht die Reifenheizung, das ist das was vom Auspuff noch übrig war. Man wäre bereit gewesen, diesen beräderten Alptraum von Greenpeace im Showroom mal kurz zu starten, aber die Angestellten im oberen Stock hatten sich anscheinend schon mehrfach beschwert, dass ihnen die Henkel von den Kaffeetassen abgebrochen seien wenn die Kurbelwelle dieses Asphaltfressers seine Arbeit im Showroom aufnahm. Nun gut, auch dieses Auto wäre auf unseren Strassen nicht zulassungsfähig, die Schäden an Strassen und Gehör der anderen Leute wären epochal gewesen. Dafür aber wäre man damit jedes Jahr an der Hauptversammlung von Pneu Egger Ehrengast, mit Schnittchen bis zum abwinken.  

Und dieses Jahr kreuzte auch dieses wunderschöne Cabrio meinen Weg:


Dieser Vertreter der offenen Sparte hat's mir ebenfalls schwer angetan. Als wir bei dem schicken Autohaus vom Hof fuhren, war der Keks für mich noch lange nicht gegessen. Auf den komme ich die nächsten Wochen nochmal im Detail zurück.

Der '68-'72 Chevy Nova
Novas kannte ich nur aus den 80er Jahre Serien Knight Rider und A-Team, auf den hiesigen Strassen habe ich glaub ich die letzten Jahre gerade mal einen gesehen. Im TeVau wurden diese Autos ausnahmslos von den Bösen Buben meistens spektakulär zu Schrott gefahren. Ich weiss nicht, wie viele Novas ich bei dem A-Team gesehen habe, welche die typische Seitwärtsrolle mit der Landung auf dem Dach gemacht haben. Aber es waren einige und einer war immer irgendwo zu sehen, ob auf dem Dach oder auf seinen Rädern.


Auch in Tarantinos "death proof" fuhr der Bösewicht einen Nova;

Ente!!!
Von der Optik her war der "kleine" Chevy auch nie mein wirklicher Favorit, zu viele Ecken, zu wenige Rundungen und damit nicht sonderlich aufregend von der Optik her. Was aber aus meiner Sicht immer für den Nova sprach war sein Image als Badass. Er war immer der Böse und weil das Böse in den Filmen ja nie gewinnt, starb er auch immer wieder den Filmtod. Gesehen habe auf meinen Wanderungen durch die Showrooms und Warenhäuser ich genau einen, welcher mir mindestens eine schlaflose Nacht bereitet hat. Zu dem komme ich dann später auch nochmal zurück.



Weiter geht's nächste Woche mit der Mopar Fraktion.




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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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