Jaguar XK 120 SE Roadster

Vorwort
Als ich diesen Schuppen hier ins Leben gerufen habe, ging ich davon aus, dass ich einfach die gängigen Mietwagenflotten und ab und zu ein richtig spassiges Auto fahren bzw. in Worte kleiden werde. Dass ich knapp ein Jahr nach dem Start hier bereits in den Wurzeln des englischen Sportwagenbaus rumstochern werde, hätte ich mir nie erträumt. Manchmal kommt es eben anders und ich kann damit wirklich sehr gut leben. Danke an denjenigen, der diesen Ritt initiiert und mir damit eine Scheissfreude gemacht hat! Damit, hier kommt mein erster gebrauchter Jaguar.

Vorab, ich könnte mich in den Hintern beissen, habe ich nicht die Spiegelreflex dabeigehabt. Daher wurden es nur ein paar halbschwindlige Handypics. Ich gelobe Besserung. Wirklich!

Was denn?
Ein 1954er Jaguar XK 120 SE Roadster mit 3.4 Litern bestem englischen Hubraum und ca. 180PS.




Laufleistung
Ich hab keine Ahnung, aber bei einem Auto das schon über 60 Jahre auf den Strassen unterwegs ist, ist das auch völlig Salami.

Wie weit?
ca. 50km über Landstrassen und Berge.  

Handbuch gelesen?
Nein. Aber ich habe mich auf die Instruktionen auf dem Sozius verlassen. Die hatte ich auch dringend nötig.

Erster Eindruck
Dieses Auto riecht schon im Stand herrlich. Bei dem Exemplar handelte es sich um ein weitestgehend unrestauriertes Exemplar. Es riecht nach Benzin, Öl und altem, aber dickem Leder spätestens nach dem Start steigt einem dieser in der heutigen Zeit fast komplett verschwundene Geruch von Abgasen in die Nase, welche noch nie einen Katalysator gesehen haben. Wunderschön. Auch auf die Gefahr hin, dass mich das Kohlenmonoxid dahinrafft atme ich diesen fast schon vergessenen metallischen Geruch tief ein. Die Optik tut ihr übrigens dazu, von Fussgängeraufprallschutz verschonte runde Formen, keine einzige gerade Linie, schwarzer Lack mit einer ehrlichen Patina. Wer einmal mit der Hand vom vorderen Kotflügel bis zum Hintern durchstreicht, weiss um die schlichte aber dennoch aufregende Schönheit dieses Roadsters Bescheid.

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
Zwei Rückspiegel jeweils links und rechts auf den wulstigen Kotflügeln und ein Innenspiegeln in der Dimension eines PostIt mit permanentem Vibrationsalarm.


Ein Beifahrer ist hilfreich, das Auto kann man gerade als Neuling als Aufmerksamkeitsjunkie bezeichnen.

Innenraum
Hier findet sich Holz, echtes Leder und eine Menge Teppich. Sieht gut aus, fühlt sich gut an und riecht auch noch lecker. Übrigens, das erste Auto, bei dem ich den kompletten Innenraum auf ein einziges Foto draufkriege.


 
Das soll jetzt aber nicht heissen, dass im Jag kein Stauraum vorhanden wäre. Die hohlen Türen sind mehr oder weniger komplett als Ablage zu benutzen, ebenso ist hinter den Sitzen noch genug Platz für ein komplettes Teeservice und eine XXL-Tweedhose. Und, der Jag hat auch noch einen ordentlichen Kofferraum;


Hier passen sicherlich noch die Handtaschen der Madam hinein. Friss das, SLK!

Verstellbar ist gar nix, weder Sitze, noch das grosse Vierspeichenlenkrad, noch Pedale. Dafür gibt's aber einen Haltegriff für den Beifahrer, falls es doch mal flotter um die Kurven gehen sollte. Damit findet sich auch das in dem Jaguar, was ich an den Briten am meisten schätze, den englischen Humor.

Die ersten Kilometer
Im Jag ist alles da und meist auch dort, was in einem aktuellen Auto auch zu finden ist. Gas, Kupplung, Bremse, H-Schaltung und ein gross dimensioniertes Lenkrad in LKW-Ausmassen. Damit komme ich noch klar. Aber die ersten Meter in dem alten Briten lassen mich hellwach werden. Das Bewegen dieses alten Roadsters ist harte Arbeit, welche allerdings mit einer gehörigen Portion Gefühl verbunden sein sollte. Oje, ich kriege langsam Zweifel daran, ob ich dieses Vehikel an einem Stück wieder zurück in die Garage bringe. Hoffentlich mach ich nix kaputt!

Nach 10 Kilometern
OK, so langsam werden der Jäg und ich Freunde. Mittlerweile kriege ich 6 von 10 Gangwechseln über die Bühne, ohne dass mir und meinem Beifahrer wegen den Kratzgeräuschen aus dem Mitteltunnel die Tränen in die Augen schiessen.

Multimediaplunder
Der Jag hat eine Reihensechszylinder-Hifi Anlage mit ca. 132'000 Watt, welche in Stereo ausgeführt ist.

Soundanlage anno 1954

Spielt zwar nur ein Stück, dieses kann aber in Lautstärke und Tonlage mit dem rechten Fuss verstellt werden. Klingt einfach nur göttlich und ich persönlich ziehe das jedem High-End Konzertsaal auf Rädern vor. Wer hier ein Radio einbaut, hat überhaupt nix verstanden.

Die Fahrt
Als ich dank eines riesigen Zufalls die Möglichkeit angeboten bekam, solch ein Schmuckstück zu fahren, habe ich nicht wirklich abschätzen können, was da auf mich wartet. In Folge dessen habe ich erstmal Internetrecherche betrieben, ich muss zugeben, bei den alten Engländern habe ich definitiv noch das eine oder andere Defizit was Geschichte und Eigenheiten anbelangt. Das wird sich nun ändern.


Der XK 120 ist bis dato das älteste Auto, welches ich jemals fahren durfte und damit auch das mechanischste, eine Maschine in seiner schönsten Form. Und, der Jag ist auch jenes Auto, welches meine sonst alltägliche Fahrweise komplett den Bach runterschwimmen und kläglich in Unmengen von Benzin ersaufen lässt. Vergiss das einhändige Servolenkungsfahren mit dem rechten Arm auf der mittigen Armablage. Das unmerkliche Reinschieben der Gänge in einem vollsynchronisiertem Getriebe wird einem ebenfalls sofort abgewöhnt. Wer damit auf eine vielbefahrene Kreuzung einbiegt, fängt erstmal das Denken an; erst runterschalten? Oder doch zuerst bremsen? Blinker? Wo ist der verflixte dritte Gang? Was für ein Stress für so einen von meist neuen Mietwagen verwöhnten Rotzplastikverflucher wie ich. Wie es ist, mit so einem alten Roadster das erste mal zu fahren? Moment:

Zufahrt auf einen Kreisel, ca. 60km/h, dritter Gang ist drin.

1. Erstmal überlegen, was ich jetzt als erstes tu.
2. Feststellen, dass keine Zeit zum überlegen ist. Also, erstmal Kupplung treten, Gang raus in den Leerlauf, Kupplung kommen lassen.
3. Kupplung wieder treten, Zwischengas, den zweiten Gang suchen, mittels noch mehr Zwischengas dem Schalthebel das einklicken in den zweiten Gang schmackhaft machen.
4. Während der Suchaktion für den zweiten Gang feststellen, dass ich eigentlich längst auf der Bremse stehen sollte.
5. den zweiten Gang mit gefühlvoller Gewalt reindrücken, auf die Bremse stehen
6. feststellen, dass alte Trommelbremsen (rundum) wesentlich mehr Liebe brauchen, als ein bremskraftverstärkerunterstütztes System mit Presafe und gelochten Scheibenbremsen.
7. Am Lenkrad den Blinker nach rechts stellen
8. das Lenkrad mit beiden Händen nach rechts wuchten
9. Die Achselhöhlen föhnen.
10. Ein Kilometer weiter den Blinker wieder zurückstellen.

Also, alles zurück auf Anfang in die Fahrschule. Dieses Auto kann man einfach nicht fahren wie sonst jeden manuell geschalteten Wagen der letzten 30/40 Jahre. Hier gibt es Prozeduren und Eigenheiten. So wie der Blinker, welcher in der Lenkradnabe sitzt. Das Getriebe, welches gegenüber den heutigen Autos null Präzision aber dafür kurze Schaltwege besitzt. Die Sitze lassen sich nicht einstellen, eben so wenig wie das Lenkrad und Gurte waren zu der Zeit die Dinger, die der feine Lord dazu benötigte, damit die Hose nicht unter besagte Gürtellinie rutscht. Dieses Auto lässt sich nicht auf den Fahrer anpassen, entweder man kommt mit der Maschine so wie sie ist klar oder eben nicht. Ich habe dann zum Glück den rostigen, aber soliden Draht zu dem alten Briten doch noch gefunden.


Hat man denn seine Prioritäten im XK 120 mal neu geordnet, einen Gang drin und das riesige Lenkrad mit beiden Händen fest im Griff geht der Spass erst richtig los. Der grosse Reihensechser ist ein absolutes Sahnestück mit einer wunderbar linearen Leistungsentfaltung, genügend Drehmoment und er hat auch für heutige Verhältnisse eine wundervoll sportliche Gasannahme. Dazu kommt der einmalige Sound, welcher zwischen null- und fünftausend Umdrehungen nicht nur die Ohren der Passagiere, sondern auch jene der Hinterherfahrenden gefühlvoll massiert. Und das unterscheidet auch dieses alte Eisen von den heutigen Sportwagen. Wer heute mit einem Schiessmichtot-GTI den zweiten Gang in einem Tunnel ausfährt kriegt vom Hintermann bestenfalls den Vogel gezeigt. Im Jag war das aber komplett anders. Der Herr im Tuareg hinter uns konnte seine Freude über den Surround-Sound im Tunnel nicht verbergen. Und auch der Mopedfahrer, welcher uns eine lange Zeit unterhalb des geltenden Geschwindigkeitslimits folgte, verzichtete eine Weile auf ein legitimes Überholmanöver und schnupperte stattdessen freiwillig Abgase in ihrer reinsten Form und hörte dabei dem Reihensechser bei der Arbeit zu.  

Eine Menge Spassmetall.

Jap, trotzdem, dass dieses Auto einerseits wie ein rohes Ei und doch wie ein alter Traktor behandelt werden will, macht der Jag eine Menge Spass. Die Fahrleistungen sind durchaus respektabel, auch wenn das Lenkungsspiel und das eher grob sortierte Getriebe eine Menge Aufmerksamkeit fordern. Der Jag mag vor allem auf den allerersten Kilometern unfassbar anstrengend sein, aber er gibt einem immer wieder diesen kleinen und gesunden Schub an Glückshormonen, welche mich die Depression über den letzten etwas zu lauten Gangwechsel wieder vergessen liessen. Und je länger man ihn fährt, desto weniger werden die Depressionen.
 
Denn, der alte Jag und vor allem sein Triebwerk sind ein wahrer Quell der Freude. Hat man sich mal auf den alten Haudegen eingestellt, kann man ihn auch tatsächlich geniessen, etwas was ich auf den ersten Metern stark bezweifelt hatte. Er ist einfach komplett ungefiltert und genau das führt mich zurück an meine ersten zaghaften Versuche, ein Auto in Bewegung zu versetzen. Man denkt man kann Autofahren? Der 60 Jahre alte Engländer belehrt mich gerade zu Anfang lautstark eines Besseren. Man sitzt offen, den Arm ausserhalb des Autos, der Wind peitscht ab 80km/h mangels Dach und Verglasung von allen Seiten die Konturen aus der Frisur. Und der Auspuff rollt sein Stakkato ca. einen Meter Luftlinie vom Fahrer in die Atmosphäre. Das die Hinterachse ebenfalls nur ein paar Zentimeter vom Hintern weg Ihre Arbeit verrichtet, schafft tatsächlich Vertrauen in dieses alte, aber gepflegt Möbel.

Der Jag ist so ehrlich wie es heute kaum mehr ein Auto sein kann. Und sogar ich kriege nach 50km so ca. 8 von 10 Fahrstufenwechseln geräuschfrei über die Bühne, der Roadster gibt sofort Feedback, wenn etwas nicht passt. Einzig der Mittelpunkt zwischen Sado und Maso stellt für mich eine etwas unangenehme Herausforderung dar. Einerseits verlangt der Jag nach einer starken Hand, andererseits hat man immer im Hinterkopf; "Wenn ich hier etwas kaputtmache, komme ich in die automobile Hölle. Und dort muss ich vermutlich meinen Ex-Audi fahren!". 


Was ich in der kurzen Zeit über den Jag gelernt habe; Licht sollte man nur einschalten, wenn die Drehzahl konstant über 2500 Umdrehungen liegt. Man sollte das Lenkrad nicht bis zum Anschlag drehen, da sonst ein paar üble Geräusche aus den Radkästen hervortreten. Das Fahrgefühl ist dermassen ungefiltert, dass ich nicht einmal auf den Tacho geschaut, aber anscheinend immer mit Richtgeschwindigkeit unterwegs war. Dasselbe gilt für die Maschine, trotzdem dass ich nicht einmal auf den Drehzahlmesser geschaut habe, habe ich anscheinend die Schaltpunkte trotzdem immer getroffen, ohne die Maschine zu überdrehen. Das spricht nicht für mich, sondern für das Auto, der Jag lässt einen mit allen Sinnen erfühlen, wann Schluss ist. Und das kann man von den meisten Autos heutzutage leider nicht behaupten, Schluss ist dann wenn das Geblinke im Tacho losgeht und die elektronische Diktatur ihre Autorität ausspielt. Sowas Blödes!

Mit dem Jag muss man sich wirklich, wirklich anfreunden. Es ist aber eine Win-Win Situation, wenn man ihn gut behandelt, lässt er einem am Leben. Und umgekehrt. Für dieses Techtelmechtel wurde ich reich belohnt. Ich musste keine Versicherung anrufen und der Jag steht wieder wohlbehalten an seinem Platz. Danke dafür, braver Jag, geiler Jag!

Fazit
Der XK 120 war für mich eine völlig neue und intensive Erfahrung des Autofahrens. Wo ich anderorts über pampige Lenkungen und hakelige Getriebe abfluche, finde ich genau hier die Erfüllung und eine wahre Herausforderung an meine eigene Lebenseinstellung; ich kann und will alles in Bewegung versetzen was Räder hat. Vor 60 Jahren hatten die Entwickler noch keine Ergonomie oder eine komfortable Abstimmung auf dem Radar. Der Jag wurde als sportlicher Roadster entwickelt und genau das und auch gar nichts anderes ist er. Man möge mir diesen Querschlag verzeihen, aber von den Fahrleistungen und dem eigentlichen Fahrgefühl her erinnert mich der alte Brite an den 1er GTI. Ausreichend, direkt, ehrlich und etwas versaut von der Akustik im Heck. Was der Jag aber wesentlich besser kann als der GTI und auch die meisten heutigen sportlichen Kompakten, er führt den Fahrer wieder zurück auf das pure Autofahren. Keine Assistenz, keine Unterstützung von einer Servo, nur du, das Kraftwerk im Vorderbau und ein rudimentäres Getriebe. Mehr Spass kann man ausserhalb der Unterhose gar nicht haben. Und! Es ist einfach unbezahlbar, wenn man nach so einem Ritt zu Hause auf der Couch sitzt, einen samtigen Single Mal schlürft und feststellt, dass man nach Schweiss, Benzin und Abgasen riecht. Sowas lässt sich nicht mit einem Preisschild versehen.

Kaufen?
in Anbetracht dessen, dass solch ein Jag auch mal den Gegenwert eines fabrikneuen Porsche GT3 RS's haben kann, fällt es schwer hier so etwas wie ein Preis/Leistungsverhältnis zur Sprache zu bringen. Man muss aber auch berücksichtigen, dass man so ein Auto zwar zum Fahren kauft, aber sicherlich nicht für den Alltag, die Rennstrecke oder die Fahrt in den Skiurlaub. Diese Autos sind Sammlerstücke mit Wertzuwachs. Und trotzdem, sowas gehört nicht in eine klimatisierte Halle gestellt und gelegentlich vom Staub befreit. Sowas kann und muss man wirklich regelmässig fahren, Freude daran haben und auch Freude damit machen. Und, dafür kriegt man eines der besten Soundsysteme aus England und zumindest für mich eine ungewollte Vollbremsung mit meinem Weichspülerbenz auf den Nachhauseweg.   
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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