Motorisierte Hauptdarsteller - 9. Teil

Vorwort
Man könnte ja schon den Eindruck haben, dass ich mir manchmal die 80er zurückwünsche. Dem ist aber nicht unbedingt so, ich empfinde Vokuhilas und Rieger Bodykits als extrem verstörend und mag auch keine Wählscheibentelefone mehr haben. Wenn man sich da bei einer ausländischen Handynummer bei der zweitletzten Stelle verwählt ist der Tag gelaufen. Aber da ich nun mal ein Kind der 80er bin, kann ich mich nicht allem aus den 80er verschliessen. Deswegen; heute geht's mal wieder nach Miami.

Miami Vice
Weg mit den Socken, her mit den Glasziegeln und Pastellfarben!



Karren. Ti..en. Är...e. 

Fast fünf Jahre lang hinterliess die Serie nicht nur bei den Fernsehsendern ihre unverkennbare Spur, sondern auch in den Hitparaden und Kleiderläden. Die unzähligen Gast-Stars und vor allem viele Damals-noch-keine-Stars gaben sich in der Serie die Klinke in die Hand.  


Die 5 Staffeln dauernde Serie bot für fast jeden etwas, Musik, Klamotten, Drama, Knarren, Bikinis, Boote und vor allem Autos. Damals hatte fast jeder Bengel ein Autoquartett in der Hosentasche und Miami Vice war sowas wie Autoquartett in bewegten Bildern. Lambos, Maseratis, Ferraris, De Tomasos, Benzen, Porsches, BMW's, alles was Rang und Namen hatte flimmerte Woche für Woche über die pfeifenden Röhrenfernseher.

Ein wohl grosser Garant für den Erfolg waren auch die musikalischen Hintergründe, entweder es waren diese typischen Klangteppiche von Jan Hammer oder aber die damals in den Hitparaden vertretenen Bands drängelten sich darum, einen Ihrer Hits unter die manchmal etwas düstere Bildgewalt bzw. die Gewaltbilder zu legen. Apropos Gewalt, MV war keine dieser halb-Sieben-alle schiessen-daneben-Serien. Keine Folge, in der nicht einer dran glauben musste und die Präsenz von Waffen, Koks und Nutten war nicht unbedingt dazu förderlich, um sich zwischen dem Sandmann und Barbapapa zu platzieren. Ausserdem, Crocketts Bren Ten Menschenlocher war unfassbar laut. Das war absolut kein Vorteil für jene, welche sich die Serie mitten in der Nacht still und leise anschauten, während die Eltern schliefen. Die Knarre holte immer mindestens einen Elternteil aus dem Bett, während sie gleichzeitig einen Bösewicht in einen Sarg beförderte. Schöner Mist wenn man genau dann ins Bett gejagt wurde, wenn Crockett sich in seinen Ferrari geschwungen hatte.

Aber nicht nur akustisch war Miami Vice eine neue Welt, auch optisch wurde mit starkem Geschütz aufgefahren. Die Serie quoll förmlich über vor Pastellfarben, pinkem Neonlicht, S-Klassen mit würgereizauslösenden Bodykits und Leinenklamotten in Combo mit mindestens einem Shirt in Pastell. Und als die Optik wohl schon etwas angestaubt war, hat man sich dazu entschlossen, die Kameralinsen einfach noch mit Vaseline einzuschmieren. Die liessen sich damals richtig etwas einfallen, damit man schon beim Zappen in der ersten Sekunde merkte, was da gerade lief. Ich glaube auch, Miami Vice war damals für die Verbreitung des Wortes Cool stark mitverantwortlich. Weil anders liess sich diese Farbenschlacht mit Designerklamotten und Ray Ban Sonnenbrillen nicht in einem Wort erklären.

Unter dem Strich war Miami Vice nichts anderes als eine einzige Orgie von Product Placement. Klamotten, Accessoires, Autos, Musik, Uhren, Schmuck, trotz den teils recht dünnen Stories wurde fast alles zu Gold, was irgendwo in der Serie auftauchte. Heute ist das ja nicht anders, heute kommen einfach noch Handys und sonstige Gadgets dazu, wenn's sein muss mit Hashtag.

Die Hauptdarsteller in Fleisch und Blut

Sonny Crockett
Don Johnson spielt während fünf Staffeln den Drogen- und Waffenschnüffler Sunny Crockett, einen abgebrühten Cop mit lockerer Knarre und dem höchstwahrscheinlich grössten Kleiderschrank in ganz Miami ohne eine einzige Socke.

Sonnenbrille in geschlossenen Räumen? Coooool...

Dass er in der Serie auf einem Segelboot lebt mit einem Alligator als Wachhündchen ist wohl eher dem lockeren Lebensstil der Figur gewidmet, Saufen, Rauchen, Weiber. Nur, auf keinem Segelboot der Welt hätten so viele Slipper Platz, wie Crockett in der Serie trägt.

Ricardo Tubbs
Philipp Michael Thomas spielt die zweite Geige neben Sunny Crockett, er hat meistens die kleinere Knarre, einen weniger schicken, wenn auch dicken Schlitten und trägt meistens billige Armani Anzüge. New York ist halt nicht Miami Baby!


Sonnenbrille in geschlossenen Räumen? Uncoool!

Die Autos

Ferrari Daytona Spider (Replica)
Der Daytona war das Miami Vice Auto überhaupt. Auch wenn's eigentlich gar keiner war. In der Pilotfolge war ein lokaler Arzt so nett (oder so dämlich), seinen Ferrari Daytona für die Dreharbeiten zur Verfügung zu stellen. Da er aber das Auto mit ein paar Löchern in der Karosserie wieder zurückerhalten hat, strich er dieses Arrangement. Die Produzenten griffen daraufhin auf zwei Replicas zurück, de facto war das Auto nichts anderes als eine Corvette mit einer Fiberglashülle. Das tat dem Auftritt aber keinen Abbruch;

Echt.
Falsch.

Auch falsch. Ich würd' ihn aber trotzdem nehmen.
Ungeachtet dessen, dass es sich hier eigentlich um keinen echten Ferrari handelte, wurde der schwarze Daytona Spider zu dem Miami Vice Car überhaupt. Dafür sorgte schon in der Pilotfolge jene Szene, in der das Auto aus der Kotflügel- und Felgenperspektive relativ zügig durch das nächtliche Miami der 80er gefahren wird. Für den Gänsehautmoment sorgte Phil Collins mit seinem "In the Air tonight".



Jawoll, das ist eine Telefonzelle.
Damit hatten die Produzenten mehr oder weniger bewusst das 45-Minuten-Musikvideo ins Leben gerufen. Und der Daytona war ab sofort fester Bestandteil der Serie, fast noch fester als Johnson und Thomas. Jedenfalls bis zur Staffel 3.

Wir gehen mal kurz in die Gerüchteküche, wo mit nichtfundiertem Halbwissen alles Halbgare nachgewürzt wird. Ferrari war nicht sehr erfreut darüber, dass in der Serie eine Replik von einem Ihrer schönsten Autos soviel Platz einnahm (selbe Geschichte übrigens bei Magnum P.I.), die Corvette unter dem Fiberglaskörper grenzte an eine Majestätsbeleidigung. Und da die Daytonas schon länger nicht mehr produziert wurden bzw. auch nicht unbedingt für kleines Geld zu kriegen waren, gingen die Produzenten mit Ferrari America einen Deal ein.


Sie sprengten den Daytona in der ersten Episode der dritten Staffel.


Und genau so sass ich damals vor dem Fernseher. Das schönste aller damaligen Serienautos in die Luft gejagt? Und Crockett sollte ab sofort Taxi fahren?? Ich war fassungslos. Jedoch, nicht lange, denn Ferrari wusste um die Wirksamkeit der Serie und platzierte ihr neuestes Pferd im Stall im Spätabendprogramm. 

Ferrari Testarossa


Geliefert wurde der 1986er Testarossa von Ferrari an die Produktionsfirma in schwarz, jedoch wurde das Auto wegen der besseren Visibilität bei Nachtaufnahmen weiss umlackiert. Damit wurde der zweite Dienstwagen von Crockett zu dem wohl bekanntesten nicht-roten Ferrari aller Zeiten. Für mich hiess das, dass ich sofort so einen Testarossa haben wollte, noch weit vor einem neuen Fahrrad:

Mamaaaa! Den will ich haben!!

Es gab dann aber doch keinen Ferrari für mich. Was war ich sauer.

Und auch diesen Ferarri setzte man mit den altbewährten Mitteln wirksam in Szene.

Fender-Cam.


Da waren sie wieder, die mit Musik unterlegten Nachtaufnahmen aus der Kotflügelperspektive. Und auch wenn die Felgen des Testarossas nicht halb so schöne Lichteffekte auf den Fernseher zauberten wie die verchromten Speichenräder des Daytona, war der Testarossa mehr als würdig, der Dienstwagen eines Undercover Drogenschnüfflers zu sein.

Aber auch hier kamen ein paar wenige Replicas zum Einsatz. Im Gegensatz zu dem Schrotthunger bei Knight Rider musste man in Miami auf das Material acht geben. Die Ferraris waren nur in sehr begrenzter Stückzahl verfügbar und bei einem Stückpreis von ca. 183'000$ konnte man die nicht einfach im Akkord an die Wand schmeissen oder mal ein paar Beschleunigungslöcher reinballern. Und so baute man für die etwas härteren Fahrszenen Replicas aus De Tomaso Panteras, mit Lachgaseinspritzung.   


Btw, wer sich einen der originalen Miami Vice Testarossas zu Hause in den Schuhschrank stellen will, einer kommt demnächst unter den Hammer.

Später. Viel Später...
2006 entschloss sich der ursprüngliche Produzent Michael Mann zu einem Remake im Kinoformat. Dort fuhren die Hauptdarsteller einen F430 Spider. Vermutlich liegt's an mir, aber von der Aura her kann dieser Ferarri nicht mal ansatzweise mit seinen Urvätern mithalten. Vor allem nicht in dieser unsäglichen Farbe:


Schade, ich hätte in dem Remake gerne den Daytona nochmal gesehen. Das hätte die Leichenschändung wenigstens etwas erträglicher gemacht...

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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