Ford Focus Turnier 2.0 TDCi

Vorwort
Ford. Die tun was. Das war mal ein Werbeslogan, der sich bei mir so richtig festgesetzt hat. Trotzdem waren die Fords für mich immer etwas ausserhalb meines persönlichen Autoradars, abgesehen von den amerikanischen Abkömmlingen. Der erste Ford, mit dem ich in Berührung gekommen war, war der Sechszylinder Granada eines Nachbarn, kantig und goldig aussen, 70er Jahre sofabraun innen. Das perfekte Opa-Heinz-Sonntagsgefährt. Heute hat Ford ja ein anderes Zielpublikum, allerdings gehöre ich wohl immer noch nicht dazu.


Was denn?
Ein Ford Focus Turnier mit zwei Litern Brennraum, 163PS und 340Nm Drehmoment, angedübelt an ein 6-Gang Schaltgetriebe.



Laufleistung
Während der Fahrt wurden die 40'000km überschritten.

Wie weit?
ca. 550km querbeet Autobahn, Landstrasse und Quartierstrassen.

Handbuch gelesen?
Nicht, nein.

Erster Eindruck
Cool, wieder mal ein Ford. Gefällig unauffällig.

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Totwinkelassistent.

Innenraum
Auf den ersten Blick ist der Innenraum gelungen. Materialien und Design sind ok, mir kommen keine Tränen, weder vor Rührung noch vor Ekel. Eben, auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick finde ich dann doch noch so einiges zu motzen.


Das Cockpit ist übersichtlich und alles ist da, wo man es erwartet. Aaaaaber, was hat man sich bei der Gestaltung des Lenkrads bzw. der Platzierung der Multifunktionstasten gedacht? Das die Tasten mit der Wölbung der Lenkradspeichen mitgehen ist, pardon, so unnötig wie Wurstsalat mit Erdbeeren. Solange der menschliche Daumen nicht die Form eines Hammers hat, lassen sich die Tasten nur umständlich drücken, aua. Und die Bedienung des Tempomats scheint auch einher zu gehen mit extrem gelenkigen Fingern.  

Das Armaturenbrett ist flach und tief, was in Verbindung mit der flachen Windschutzscheibe darin resultiert, dass es spiegelt wie Sau. Da hilft auch eine Sonnenbrille mit einem Riesenhaufen Polarisationsfilter nix. Blöd. Die Einfahrt in einen Tunnel gleicht einem Sprung ins Nichts.


Die Sitze (manuell verstellbar) sind mit einer robusten Polsterung versehen und machen ebenfalls auf den ersten Blick einen strammen Eindruck. Aber auch hier, der zweite Blick bzw. das längere Sitzen offenbart Schwächen. Die Polsterung erscheint zu weich und ich bemerkte nach längerer Fahrt bereits die eine oder andere Druckstelle an meinem Rücken und dessen Verlängerung. Eine kurze Pause nutzte ich, um den Sitz und das Lenkrad nochmals neu einzustellen, danach schien mir das ganze etwas bequemer, dafür hatte ich irgendwann ein Ziehen in den Unterschenkeln.


Ebenfalls ein grosses Fragezeichen poppte bei der Fahrt bei Dunkelheit auf. Sämtliche Bedienelemente sowie die Tachonadeln sind in einem wischiwaschigen Türkis gehalten, ausser die Ablagen in den Türen und die Türgriffschalen. Die sind in poppigem Orange hell erleuchtet. Gab's da etwa Streit unter den Innenraumdesignern und irgendein teuer bezahlter Konfliktlösungscoach hat die beiden zu einem Kompromiss überredet? Gebt euch die Hand und habt euch lieb? Toll gemacht, dafür sieht's bei Nacht im Innenraum des Focus' aus wie auf der Kirmes.

Die ersten Kilometer
Im kalten Zustand brummt und nagelt der TDCi nicht gerade unaufdringlich. Auch die Leistungsabgabe erscheint eher Verhalten, aber man jagt auch keinen kalten Motor. Der Focus fährt und vor allem, er federt ganz gut. Die zackige Lenkung fällt mir sofort auf, wie auch die giftige Bremse, welche mit dem kleinen Zeh bedient, gleich den ganzen Fuss aufs Pedal zieht und erstmal eine obligatorische Ford-Vollbremsung bei der ersten Kreuzung hinlegt. Ich war noch nie ein enger Freund der Fordbremse und umgekehrt, aber das wäre vermutlich nur Gewöhnungssache.

Nach 10 Kilometern
Der mittlerweile warme Diesel gibt Ruhe, schön. Das lange übersetzte Getriebe sorgt für tiefe Drehzahlen, dabei brummelt die Maschine zwar ein wenig, das aber sehr dezent. Was komisch ist, auch mit warmer Maschine sind die 163 Pferde irgendwie nicht vollständig versammelt. Der Eindruck kann aber auch an meiner Tagesverfassung gelegen haben, ich war etwas in Eile.

Multimediaplunder
Oje. Willkommen im Knopfhausen der 90er Jahre, dessen Bedienkonzept und einem zu heiss gewaschenen Display.


Ich kann mich gar nicht mehr erinnern (ok, ich bin da auch kein Massstab), wann ich das letzte mal eine Route mittels vier Pfeil- und einer OK-Taste in ein Navigationssystem geklimpert habe. Zefix, sogar das Nokia 7110 von 1999 hatte ein Drehrad für die schnelle Menüführung. Was das gesamte Bedienkonzept des Ford "Sync" anbelangt; das konnten andere Hersteller schon vor 10 Jahren besser. Immerhin konnte das "Sync" auch mit meinem unpopulären Lumia etwas anfangen.


Und auch das zusätzliche Display in der Tachoeinheit nutzt ihr Potential nicht aus. Musikinfos auf dem Mitteldisplay? Digitale Geschwindigkeitsanzeige? Fehlanzeige. Ford, da solltet ihr noch ordentlich was tun.

Was die Musikwiedergabe anbelangt kommt der Focus bei weiten nicht an die Krawallbude Mondeo heran. Wo man im grossen Bruder pegeltechnisch absolut keine Gegner zu fürchten hat, ist der Focus eher etwas zugeschnürt. Die Werksbeschallung taugt für Verkehrsdurchsagen, aber nicht unbedingt für Pink Floyds "The Wall" in Konzertlautstärke. Und wie gesagt, wer wie ich das Hobby hat, sich mittels Zufallswiedergabe durch die gesamte Musiksammlung zu wühlen, der kriegt irgendwann Schmerzen im rechten Daumen, siehe das wulstige, an allen Enden abgerundete Lenkrad. Musik macht also keinen Spass im Focus.

Die Fahrt
Erstmal das Gute am Focus; die Schaltung ist wirklich präzise und leichtgängig. Bei Autobahngeschwindigkeiten sorgt der lange sechste Gang für Ruhe im Innenraum, der Diesel brummelt unaufdringlich vor sich hin und neigt nur bei Leistungsabruf für ein dezentes Schnattern aus dem Maschinenraum. Die Lenkung ist trotz Winterbereifung sehr präzise und überraschend sportlich direkt, das stramme aber nicht unkomfortable Fahrwerk verrichtet seinen Dienst tadellos. Fertig.
 
Leider wird mir der Focus nicht als angenehmer Reisegeselle in Erinnerung bleiben. Der drehmomentstarke Motor besitzt zwar im Gegensatz zu anderen Fabrikaten kein störendes Turboloch, dafür zerrt er vehement an der Lenkung. Bei flotter Fahrt ist man dauernd damit beschäftigt, quietschende Vorderreifen zur Stille zu bewegen und möglichst nicht so zu fahren, wie es Sturzbesoffene gerne tun; in Schlangenlinien. Die Traktionskontrolle erschien mir auch nicht sonderlich motiviert und griff nur dann ein, wenn denn schon ein paar Cent Gummi auf der Strasse liegen geblieben sind.
 
Auch war der Innenraum nicht frei von Knarzgeräuschen, die Plastikabdeckungen von Klimabedienteil und Schaltkulisse schienen ein kleines Techtelmechtel zu haben und rieben ihre Körper heiss und innig aneinander. Das Geräusch, das dabei entstand, wäre auch für Foltermethoden geeignet, mich jedenfalls hat es fast in den Wahnsinn getrieben. Und leider war die Bordunterhaltung nicht in der Lage, dies zu übertönen. So blieb mir nur von Zeit zu Zeit ein liebevoller Faustschlag auf die Abdeckung, was dann auch für sicher 2-3 Sekunden Abhilfe und eine vernachlässigbar kleine Ausschüttung von Glückshormonen verschafft hat. Ein wirklich kleiner Tropfen auf den heissen Stein meines immer arger gebeutelten Nervenkostüms.
 
Dazu kam, dass ich irgendwann eben in Rücken und Beinen Schmerzen hatte, weil ich a) nicht von Anfang an die ideale Sitzposition für mich gefunden hatte und b) das auch nach einem zweiten Versuch nicht besser wurde. Nach jeweils 140km fahrt am Stück stieg ich alles andere als entspannt aus dem Focus aus. Da waren sogar die Kleinstwagen aus Wolfsburg und Ingolstadt besser.
 
Fazit
Der Focus hat sich von einem anfänglich sympathischen Golfklassenkombi zu einem nervigen Wadenkrampf entwickelt, den ich zum Schluss liebend gerne noch in die Tür getreten hätte. Wie kann an einem solchen Auto soviel Bockmist verbrochen werden, wo doch der Mondeo so ein gutes Auto ist? Der Focus ist nicht nur eine Nummer kleiner als sein grosser Bruder, er ist auch um Klassen nerviger. Vergleicht man den Focus Turnier mit dem Golf Variant, dann wird's zumindest aus meiner Sicht richtig peinlich für den Focus. Der Golf mag eine emotionsloses Konstrukt aus Wolfsburg sein, macht aber dafür so gar nichts falsch. Was man vom Focus nicht behaupten kann, wenn's irgendwo einen automobilen Fettnapf gibt, der Focus rauscht mit durchdrehenden Vorderrädern da rein und suhlt sich darin. Ich frage mich, ob's an mir lag oder dass der Focus eine solche Enttäuschung war? Waren die Erwartungen wegen dem Mondeo einfach zu hoch?

 
Nun...
 
 
Kaufen?
Ich? Nein, Niemals. Jemand anders? Nur, wenn man noch nie ein anderes Auto gefahren ist. Oder aber, wenn der Preis für einen persönlich stimmt. Mich selber allerdings interessiert's nicht mal, was diese Misere kostet, ich bin felsenfest davon überzeugt, dafür kriege ich woanders etwas, was mir besser gefällt. Und wenn's nur eine Europalette Schokoladeneis mit Wurststückchen ist.
 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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