Mercedes C180 T Exclusive

Vorwort
Meine Woche war bedeutend besser, als die von Jeremy Clarkson. Zumindest essenstechnisch konnte ich nicht klagen, ob der bierbäuchige alte Engländer allerdings mit besseren Autos wie ich unterwegs war, kann ich ja nicht mehr beurteilen, heute Abend kommt ja kein TopGear, vermutlich kommt's nie wieder. Verdammte Axt, alles nur wegen einem Steak! Aber wen wundert's, wer schon mal eine englische Kochsendung gesehen hat bemerkt, die Inselbewohner haben von Kochen nicht ganz soviel Ahnung wie von Autos. War alles nur eine Frage der Zeit...


Was denn?
Ein Mercedes Benz C180 T-Modell mit einer winzig kleinen 1.6 Liter Maschine, Benziner. 156PS und 250Nm Drehmoment sorgen dafür, dass man am Berg nicht rückwärts wieder runterrollt.




Laufleistung
510km bei Übernahme, der Schlitten war also völlig unverdorben.

Wie weit?
ca. 210km.

Handbuch gelesen?
Neien.

Erster Eindruck
Erstmal musste ich mich in einem unbeobachteten Moment selber High-Fiven, tatsächlich mal wieder ein Mietwagen, der nicht auf der MQB Plattform des VW-Konzerns basiert. Manchmal sind die Vermieter erfrischend grosszügig wenn es darum geht, die Kundschaft bei Laune zu halten und mit einem Benz klappt das meistens ganz gut, vor allem wenn man nur Polo Klasse gebucht hat. Dass dieser in der Spiesseroptik daherkommt stört nicht wirklich, aber mir kommen die AMG-Optikpakete an dem Auto wesentlich stimmiger vor. Auch der Kühlergrill mit der Optik eines plattgefahrenen Vogelkäfigs ist nicht so ganz mein Fall, Tradition hin oder her. 

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
Viele. Totwinkel-Assi, Abstands-Assi, Spur-Assi, Pre-Safe Bremsassi, Fernlicht-Assi, ABS, ESP und und und. Das Auto ist so vorlaut wie ein schlecht erzogener Handtaschenhund, hat aber wesentlich mehr Schutzfunktion. 

Innenraum
Bei den Stuttgartern wird Wohnzimmeratmosphäre gerne gross geschrieben. Ich muss mich allerdings schon fragen, ob sie bei sich zu Hause den Fernseher auch mitten in der Möbelpampa stehen haben. Ich kann mich einfach nicht mit diesem Display anfreunden, dass aussieht, als ob man's erst vergessen und dann mit einem Hammer irgendwo an den Armaturenträger genagelt hat. Was war denn so schlimm an der Integration in den selbigen?


Die restlichen Materialien sind allerdings hochwertig. Das Lenkrad ist griffig, wenn auch für meine grobmotorischen Griffel etwas zu wenig chunky. Die Verarbeitung ist auf den ersten Blick tadellos, dem zweiten Blick hält sie aber nur bedingt stand. Dummerweise ist mir aufgrund meiner morgendlichen Schusseligkeit der Schlüssel aus dem Zündschloss gepoppt und verschwand wortlos unter dem Fahrersitz. Bei der Suche nach der letzten Instanz des gepflegten Motorstarts ist mir die Verkabelung unter dem Gestühl regelrecht ins Auge gesprungen. Sieht aus wie bei einem alten Amerikaner unter dem Armaturenbrett, jaaa, hier sieht man Budgetkürzungen bei der Arbeit, welcher normale Mensch kriecht denn auch im Fussraum rum. Und was man auch ganz gut sieht, Rotzmagnetplastik in rauen Mengen! Ich behaupte sogar, dieses Auto hält den Weltrekord in der Verwendung dieses unsäglich unnötigen Materials. Daraus liessen sich mindestens zwölf Samsung Homecinemas oder ein chinesischer Konzertflügel für 25 Euro bauen.

Butterkartoffel?

Die Sitze sind einwandfrei, dieses Modell hatte die Stoff/Leder Ausführung. Weil das Auto ja noch so neu war, waren diese recht straff, allerdings nicht so bretthart wie bei anderen Fahrzeugen. Auf jeden Fall sind die Sitze hier um Längen besser als in meinem Vorgängermodell und haben zumindest für meine durchschnittliche Körpergrösse tadellose Langstreckenqualitäten.

Die Armaturen sind im Gegensatz zum Vorgänger um einiges besser ablesbar, unabhängig von den Lichtverhältnissen oder Beleuchtung. Warum aber die Einfassungen aussehen mussten wie Micky Maus mit Drehzahlmesser und Tacho in den Ohren, das müsste man denjenigen fragen, dessen Fernseher zu Hause auf dem Blumentopf steht.

Micky?

Die zahlreichen (Kipp)Schalter und Knöpfe haben angenehme Druckpunkte und sind auch dermassen logisch angeordnet, dass man auf heiteres Rätselraten im Funktionsdschungel verzichten kann. Die Bedienung ist einwandfrei.

Die ersten Kilometer
Was für eine Oase der Entspannung. Das Diktat der Bordelektronik entscheidet on default, dass ich freilich im Eco-Modus unterwegs zu sein habe. Das heisst, die Gasannahme ist eher verhalten, die Lenkung geht extrem leicht und damit lässt das Auto Hektik nicht mal im Ansatz aufkommen. Feine Sache das, so stellt man sich den Benz des gesetzten Herrn Managers mit einem Faible für Gartenarbeit und einer gut sortierten Handschellensammlung im Keller vor.

Nach 10 Kilometern
Immer noch alles sehr entspannt hier. Dazu trägt auch die omnipräsente Ambientebeleuchtung bei, welche in der C-Klasse an allen Ecken und Kanten ihr wahlweise blaues, weisses oder oranges LED-Licht in den Innenraum streut. Hat sich die Automatik mal für einen Gang entschieden, gleitet man in die Nacht hinein, lediglich gestört von Verkehr welcher nicht fliesst und toten Füchsen auf der Autobahn.

LED überall? Leider geil.
Toppen liesse sich das entspannte Fahrgefühl nur noch von einer balinesischen Massage mit ca. 1.2 Promille.

Multimediaplunder
Leider kein Burmester, einfach nur Standard-Werksbeschallung. Ganz OK und besser als die meisten Werkströten, allerdings auch keine hochfidele Offenbarung. Das Navi ist ein Garmin MapPilot, welches ich ganz ganz schlimm finde. Es erscheint in dem sonst recht stimmig gestalteten Unterhaltungssystem wie ein Fremdkörper, die grafischen Anpassungen an das Menudesign sind eher schlecht als recht adaptiert. Und auch im Nachtmodus brennt die viel zu helle Kartendarstellung dem Fahrer fast die Netzhaut von der Pupille. Sicherlich wäre dies noch irgendwo einzustellen gewesen, ich hab dann aber auf umfangreiches Menufummeln verzichtet. Und meine Aufforderung über die Sprachsteuerung "mach mal dunkler hier!" wurde nur mit einem charmanten "Ich habe sie nicht verstanden" quittiert. Das Comand System wäre vermutlich die bessere Wahl.

Die Bedienung über das Drehrad bzw. die touchempfindliche Hochglanzkartoffel in der Mittelkonsole lässt etwas Konsequenz im Bedienkonzept vermissen. Vor allem die Kartoffel empfinde ich als halbgaren Blödsinn, weil nur im Stand zuverlässig zu bedienen. Über's Drehrad allerdings findet man sich schnell zurecht, gegenüber den Vorgängern geht das zum Glück immer noch recht intuitiv und die Sprachsteuerung ist in den Benzen nach meinem Empfinden sowieso am besten gelöst. Auch wenn diese nicht auf forsches Fluchen und Drängen reagiert. Das disqualifiziert das Auto eigentlich für den englischen Markt...

Die Fahrt
Es hat einfach etwas, wenn der Stern über der Fahrbahn thront, das verstärkt den subjektiven Eindruck des Gleitens anstelle des sonst so ordinären Fahrens eines Nicht-Sternträgers. Sowas von Etepetete.
 
 
Nein, ganz so unordinär ist die Fahrt dann doch wieder nicht. Der kleine Vierzylinder mag irgendwie nicht so zu dem eleganten Kombi passen, ich würde mir hier einen Sechszylinder wünschen. Die Maschine ist sichtlich angestrengt von der üppig ausgestatteten Fuhre und je nachdem scheint derjenige Computer, welcher die Gänge zu sortieren hat, recht gut beschäftigt zu sein. Dabei muss er ja eigentlich nur von eins bis sieben hoch und wieder runterzählen. Das tut er aber sehr oft und gerne und das Getriebe folgt den Befehlen flott und ruckelfrei. Aber gerade dann, wenn mein Spieltrieb geweckt und die verschiedenen Fahrmodi (Agility Select) durchprobiert sein wollen, meine ich, dass aus dem Motorraum ein leicht angepisstes Seufzen in die Fahrgastzelle durchklingt. Im Sport+ Modus scheint der C-Kombi über meine Forderung nach Sport regelrecht empört zu sein und nervt mich wiederum mit einem extrem harten Dämpferprogramm und einer Automatik mit Tourette-Syndrom. Ne, das wird nix, das Auto wirkt so, als ob man selber 12 Espressos auf Ex-getrunken hat und macht den Fahrer unnötig nervös. Und Sport+ in einem 156PS Vierzylinder mit Automatik? Bitte, das ist als ob ein bierbäuchiger alter Engländer mit leerem Magen die Tour de France fahren soll, das vermutlich imposanteste Gefluche überhaupt wäre die Folge. In The World!
 
 
 
Zurück im Comfort Modus ist die Welt für den kleinen Benz und für mich wieder in Ordnung. Von der sonst knurrigen Maschine ist bei Autobahntempo überhaupt nichts mehr zu hören und auch sonst ist die Geräuschdämmung eher überdurchschnittlich. Ich würde sogar sagen, bei konstanter Geschwindigkeit ist der C-Benz tatsächlich noch leiser als der Tesla. Damit lässt es sich also gut reisen, weniger denn rasen.
 
So geht es grundsätzlich also auch recht unsportlich zu und her. Dass der 180er keine Ausgeburt an Emotionen ist, erscheint aufgrund der Leistungsdaten recht schnell als klar. Geduldige Menschen belohnt der C-Kombi mit Ruhe und schmeichelt dem Hintern mit dem Fernhalten von Schlaglöchern und sonstigen Defiziten des Strassenbaus. Danke.
 
Das LED-Licht in Verbindung mit ILS hinterlässt einen etwas zwiespältigen Eindruck bei mir. Ich kenne das System in Verbindung mit Xenon ja als nützliche Kombination, wenn es darum geht, die Strasse so gut wie möglich auszuleuchten. Bei LED hatte ich die Hoffnung, dass hier noch eine Steigerung möglich gewesen wäre, ich sollte jedoch noch eine bittere Enttäuschung erleben. Müsste ich wählen zwischen dem LED aus der aktuellen C-Klasse und dem Xenon-ILS aus der Vorgängerserie, ich würde den Vorgänger bevorzugen. LED erscheint mir nicht wirklich heller oder besser in der Ausleuchtung, dafür ist die Strasse in einen Blauton getaucht, welcher an eine verlassene Metzgerei erinnert. Das verleiht zwar einem zerfetzen Fuchs auf der Autobahn eine gesunde Portion Horror, verhindert aber auch nicht, dass ich da nochmal drüberfahre. Der Schrecken ist damit paradoxerweise der emotionalste Moment in der C-Klasse (?).
 
Für die Bilder bin ich auch mal kurz hinten eingestiegen, zwei Dinge stören. Erstens, das Aussteigen wird für die Dame von Welt in einem Hochpreisfummel zur Turnübung. Oder aber, sie putzt dann auch gleich mal die Seitenschweller, bevor sie unelegant aus dem Auto rausfällt. Der Winkel der Rücksitzbank in Verbindung mit dem schmalen Ausstieg der hinteren Türen ist nicht unbedingt ideal gelöst. Jemand mit Schuhgrösse 45+ braucht eine Rettungsschere um hinten wieder aus dem Auto rauszukommen. Und dann eben die Türen, welche sich bei dem Auto entweder mit dicken Oberarmen (die ich nicht habe) oder mit angestauter Wut zuverlässig schliessen lassen.  
 
Fahren tut sich die C-Klasse eines Sterns würdig. Der Fahreindruck ist solide, ruhig, entspannt und auch der neue C ist ein unverkennbarer Benz, so wie es halt nur ein Sternträger sein kann. Einerseits ein entspannter Schnarchzapfen, andererseits ein schönes Stück Technik mit dem gewissen Etwas.  
 
 

Fazit
Eigentlich ist die C-Klasse ein gutes und an den meisten Stellen ziemlich durchdachtes Auto. Die kleinste Benzinmotorisierung ist unter dem Strich ausreichend, aber nix für Leute in Eile oder mit Ungeduld. Über das Design lässt sich sicherlich streiten, innen wie aussen finden sich ein paar Makel. Innen z.B. dieser idiotisch platzierte Bildschirm, das hochglänzige Rotzplastik und die Multimediakartoffel. Aussen stören vor allem die hinteren Türen, welche sich nur mit Schmackes richtig schliessen lassen. Immerhin, das Rotzplastik lässt sich mit der Aufpreisliste eliminieren. Entweder man kreuzt ein weniger heikles Material an und blecht dafür, oder aber man druckt sich die Aufpreisliste gleich im Autohaus aus und klebt sie flächendeckend über die Mittelkonsole. Nicht schön, aber dafür kostenlos.  

Kaufen?
Die Qualität lässt sich bei einem Auto, welches quasi noch gar keine Laufleistung hat nur schwer beurteilen. Ein Neuwagen fühlt sich ja immer gut an, die Materialien sind noch nicht abgegriffen, ausgeleiert oder sonst wie einem feststellbaren Verschleiss unterworfen. Mein erster Eindruck aber war, dass es sich hier um ein qualitativ hochwertiges Auto handelt, sei es von der Optik, der Haptik wie auch vom Fahreindruck her. Allerdings, ich habe die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass man ganz böse gesagt, die Finger von Erstserienfahrzeugen lassen soll. Die Facelift bzw. Mopfmodelle sind idR zu Ende gedacht und vom Kunden zu Ende getestet. Und da hege ich noch die Hoffnung, dass der Bildschirm in Zukunft nicht länger wie ein Fremdkörper in der Wohnlandschaft des Innenraums sein Dasein fristet und die hinteren Türen auch von einem Kind geschlossen werden können. Das wäre nett.

Die Sprache verschlägt es einem bei der C-Klasse weniger beim Fahren als beim Konfigurieren. Hat man am Schluss ein Auto, mit welchem man gut leben könnte, muss man sich dafür das langsame Sterben des Bankkontos anhören. Als Neuwagen ist die C-Klasse in Preisregionen unterwegs, welche sich einer gebrauchten S-Klasse nicht schämen brauchen. Und da kommt auch meine Kaufempfehlung, zwei Jahre warten und einen schönen gebrauchten Leasingrückläufer holen.
 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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