GMC Yukon XL

Vorwort
Es soll Autos geben, die funktionieren in unseren Breitengraden einfach nicht. Sie sind für alles zu gross und passen auf keinen Parkplatz, durch keine Waschstrasse und in keine Reihenhausgarage. Dazu kommt, dass sie saufen wie ein Loch und Kurven scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Und deshalb verkaufen sich solch unpraktische Kisten bei uns so gut wie Skiausrüstungen in Ägypten. Aber deswegen muss ja das Auto nicht generell schlecht sein, uU fährt es einfach auf den falschen Strassen.

Was denn?
Ein GMC Yukon in der XL Ausführung, 5.6m lang, 2.8 Tonnen schwer, knapp zwei Meter hoch und standesgemäss angetrieben von einem 6.0L V8 mit 357PS und 517Nm. Würde der Yukon bei uns offiziell verkauft werden, bräuchte er weniger eine Zulassung als eine eigene Postleitzahl.


Zum Vergleich; ein Porsche Cayenne ist 80cm kürzer, 10cm schmaler und 30cm weniger hoch. Yike!

Laufleistung
Dieser Geselle hatte etwas um die 20TSD Meilen auf der Uhr.

Wie weit?
ca. 2500km.
 
Handbuch gelesen?
Jap, hier habe ich sogar ein Intensivstudium betrieben. 


Erster Eindruck

Wir haben leider kein Auto in der von ihnen gebuchten Klasse mehr da. Ist ein Fullsize-SUV für sie auch OK? Nachdem wir uns zusichern liessen, dass da auch ein grosser V8 drin steckt, haben wir angenommen. Und dann stand er da im Parkhaus am Airport in Miami. Was für ein Schrank! Das Auto gleicht einer Kriegserklärung an jeden Carport.

Zeigefinger (Assistenzssysteme)
ESP, Traktionskontrolle. Meistens jedenfalls.

Innenraum
Sieht aus wie eine Möbelausstellung der 80er Jahre. Das Armaturenbrett verdient seinen Namen wirklich, schon weil hier Holzapplikationen verbaut sind, die wirklich auch als Bretter durchgehen. Grosse, elektrisch verstellbare Flauschisessel garantieren hier Langstreckenkomfort und das Multifunktionslenkrad in LKW-Dimension lässt Truckerstimmung aufkommen. Wo ist der Countrysender im Radio? Wir brauchen hier etwas Verfolgungsmusik!

In 86 Meilen kommt dann eine Kurve, gell? 

Die Verarbeitung war jetzt nicht so der Hammer, hier hatte sich beim Beifahrersitz schon die rückseitige Verkleidung in ihre Bestandteile aufgelöst und fiel während unserer Reise des Öfteren einfach mal ab. Wir haben diese dann aber regelmässig mit ein paar fachmännischen Faustschlägen wieder am Sitz befestigt.

Die Materialien waren nicht unbedingt minderwertig, aber auch recht weit entfernt von hochwertig. Grossflächiges Plastik dominierte das Ambiente, sah aber immerhin gut aus. Die Becherhalter waren gross genug für die ganz grossen Colaflaschen und apropos gross; im siebensitzigen XL sind die Innenraumdimensionen dermassen weit , dass man in der hintersten Reihe schreien muss, damit die Leute in der vordersten Reihe auch etwas hören.

Hier finden auch die grössten Flaschen Platz!
 
Die ersten Kilometer
Holla die Waldfee! Die Aussendimensionen sind erstmal gewöhnungsbedürftig, vor allem wenn man sonst im Alltag einen mickrig erscheinenden Kombi fährt. Allerdings sind die Strassen in den USA bekanntermassen etwas breiter und damit hat sich das anfängliche Strecken vom Hals bald mal erledigt. Der Yukon erscheint plötzlich gar nicht mehr ganz so gross und man kann sich entspannt in den Sitz zurücklehnen.

Nach 10 Kilometern
Alles easy hier, der Yukon fährt sich ziemlich chillig. Liegt einerseits an dem allgemein eher entspannten Fahrstil der Amis, andererseits an dem bärigen V8, welcher schon ab Leerlaufdrehzahl einen guten Antritt hat und im Cruisermodus gerne in extrem niedrigen Drehzahlen verweilt. 

Multimediaplunder
So eine Kapelle auf Rädern will ja auch ordentlich beschallt sein. Diesbezüglich gab's nix zu meckern, unser Lieblingsradiosender wurde bei Bedarf mit ordentlich Druck wiedergegeben. Anschlüsse für iPod und Konsorten gab's ebenfalls, damit stand dem Kilometerfressen mit musikalischer Untermalung und Unterhaltung nichts im Wege.

Apropos Unterhaltung, in manchen Hotelbadezimmern scheint man Wert auf die Belustigung der Gäste zu legen;


Vor allem morgens um halb drei der absolute Brüller!

Die Fahrt
Das perfekte Auto für diese Strassen. Die Suche nach dem perfekten Parkplatz konnte allerdings auch mal etwas dauern und je nachdem, wo wir den Yukon hingestellt haben, erschien er fast schon grotesk gross und dort wo wir ihn parken konnten, stand da immer noch das Problem im Raum; wohin mit diesen verflucht grossen Türen? 

Hey kleiner Jeep, hast du deine Mama verloren?
Der Kreisler rechts hat in etwa die Ausmasse eines Tiguan und macht einen ziemlich eingeschüchterten Eindruck. Und die Celica links ist grad mal so hoch wie die Unterkante der Seitenfenster, perfekt um an der Ampel mal einen Big Gulp Getränkebecher abzustellen. Wir haben aber dann doch noch des Öfteren einen Parkplatz gefunden, auf welchem der GMC nicht aussah, als ob er gerade einen Tuareg gefressen hätte.

Den ganzen Parkplatz für sich allein. Yeehaw!

Aber ja, wir hatten den Yukon ja zum fahren und nicht zum parken gemietet. Und gefahren ist der Yukon tatsächlich immer, solange es trocken war und die Strecke keine wahrnehmbaren Kurven beinhaltete. Naiv wie wir waren, glaubten wir, dass solch ein Gerät ja sowieso Allradantrieb hätte. Hätte hätte Fahrradkette, nix da. Das Auto hatte einfach nur Heckantrieb. Herausgefunden haben wir dies ziemlich unfreiwillig eines Abends nach einem kurzen aber heftigen Wolkenbruch. Mitten auf einer gut frequentierten Kreuzung wurde aus der simplen Übung Linksabbiegen ungewollt ein flotter U-Turn. Das Heck hat sich so schnell gedreht, dass wir und wohl auch das ESP mal kurz völlig überfordert waren. Hätte gerade ein Wettbewerb im blöd gucken stattgefunden, wir hätten die vordersten Ränge durchgehend belegt.



Das liess uns natürlich keine Ruhe, also raus auf den nächsten Parkplatz und Ursachenforschung betreiben. Ein Blick unter den Vorderbau trug zu Tage, dass da tatsächlich zwei Antriebswellen an den Vorderrädern ihr Dasein fristeten. Musste man den Allrad noch zuschalten? Da kam dann auch die Bedienungsanleitung zum Zuge, dieses literarische Meisterwerk war allerdings recht schwer zu lesen, weniger wegen der fremden Sprache, sondern mehr weil die Seiten aussahen, als ob in der Druckerei jemand eine LKW-Ladung voller Warnsymbole in die Presse geschmissen hat. De facto war dieses Auto wohl gefährlicher als eine Turnhalle voller rostiger Bärenfallen. Mancher, der Thriller und Horrorschinken gerne mag sollte sich eine amerikanische Fahrzeuganleitung durchlesen, da läuft es einem kalt den Rücken runter.

Lange Rede, wenig Sinn; der Yukon hatte zwar vier Antriebswellen an den Radnaben, aber der eigentliche Schalter für den AWD hat man in dem Modell weggelassen.


Das U-Turn Verhinderungssystem.


Muss man nicht verstehen, dafür wurde mir auf ca. 20 Seiten erklärt, wie ich mich anzuschnallen habe.

Ja ne, is klar...

So auch nicht? Ich fahr eigentlich immer so. 

Zum Fahrwerk muss ich noch etwas loswerden; dieses mag zwar auf endlos langen Highways superkomfortabel sein, aber die bei uns doch etwas zahlreicher vorkommenden Kurven wären nix für den Yukon. Schwabbelig, labbrig und immer am Nachschwingen. Ich möchte echt nie mit diesem Schiff bei Autobahngeschwindigkeit ein schnelles Ausweichmanöver fahren wollen. Nein, da kriege ich schon wieder einen kalten Schauer den Rücken runter.

Aber trotz all diesen für unsere geltenden Ansprüche üblen Defizite in Fahrverhalten und vermutlich auch dem Verbrauch (haben wir nicht ausgerechnet, aber war schon ordentlich), hat der Yukon ein paar Qualitäten, die man auf Roadtrips nicht missen will. So ist das Auto trotz der Grösse wirklich übersichtlich und man hat sich schnell an die Abmessungen gewöhnt, gerade weil's so ein kantiger Kasten ist. Und auch weil die Fensterflächen riesig sind.

da kannste rausgucken!

Ich mochte den Yukon und wenn ich das nächste mal "drüben" bin, wäre ich schwer dafür, dass man wieder so ein Fullsize-Doppelpfünder-mit-Käse-SUV anmietet. Hauptsache, es sitzt ein durstiger V8 drin.

Ob der Yukon geländetauglich ist haben wir nicht ausprobiert, einerseits weil im Staate Florida keine Berge zu finden sind und andererseits weil das Ding sowieso keinen Allrad(schalter) verbaut hatte. Wir spielten zwar mit dem Gedanken, mal kurz in die Sümpfe der Everglades abzubiegen, hatten aber dann doch keine Lust, irgendwelche schnappigen Alligatoren aus den Radkästen popeln zu müssen. Somit blieb nur die Vermutung, dass der Yukon sowieso keine Berge hochfahren würde, sondern diese entweder durchfährt oder plattwalzt.

Fazit
So deplaziert und unpraktisch der Yukon in der XL-Öltankerausführung auf europäischen Strassen auch sein mag, auf amerikanischen Strassen funktioniert er perfekt. Er hat blödsinnig viel Platz, sei dies für ein Stall voll Kinder, den Umzug von einem komplett montierten Kleiderschrank oder für den Wocheneinkauf bei Walmart. Für unsere Zwecke, also das Kilometerfressen durch den Sunshinestate war er ideal. Der V8 kann auch richtig gut rennen, die Fahrleistungen des Yukon sind beeindruckend, allerdings möchte man damit auch nicht wirklich zügig fahren. Viele fahrdynamische Reserven vermittelt der grosse GMC nämlich nicht. Trotzdem, ich mag den Dicken, gerade weil er so amerikanisch ist, funktioniert er in den Staaten super. Das ideale Auto für die Fahrt ins Steakhouse oder zum üppigen Frühstück. Jippie!

Kaufen?
Hier bei uns? Naja, man muss sich fragen wozu. Die Yukons (bzw. Chevy Tahoes) kriegt man hier vereinzelt recht günstig. Dafür kriegt man zwar eine Menge Blech und auch ein gut ausgestattetes Auto, aber man muss dann auch auf vieles verzichten. Auf einen langlebigen und hochwertigen Innenraum, Waschstrassen, die meisten Parkhäuser und Parkplätze und enge Kurven gehen nur unter mehreren Anläufen. Wo sich ein Porsche Cayenne grad noch so knapp durchmogeln kann, steht man mit dem Yukon XL nur blöd da. Wer aber plant, in die USA überzusiedeln, kann sich so eine Blechburg kostengünstig vors Haus stellen, da funktioniert das Ding nämlich uneingeschränkt gut und man wird damit auch nicht schräg angeschaut, weil dort sind diese Dinger das was für uns ein Golf plus ist.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

1 Kommentare :

  1. Ja geil... Und schon muss ich zu mobile wechseln um mal zu gucken was so was bei uns kostet... :D
    5,60m ....Meine Fresse...

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