Erfahrungen UHP Reifen (Strasse / Rennstrecke) - 2.Teil

Gastautor: Mr. Good Stuff

Im 2. Teil berichte ich über meine Erfahrungen von zwei Reifentypen im UHP-Segment. Dies sind sehr sportliche Strassenreifen, jedoch keine vollwertigen Semi-Slicks. Preislich aber sehr interessante Alternativen, die auf der Strasse gut im Alltag eingesetzt werden können und auf der Rennstrecke auch für ein paar zügige Runden zu haben sein sollten.

Die beiden Exemplare von Kumho und Federal habe ich montiert und getestet, weil es mich interessiert hat, ob man für wenig Geld gescheite Reifen bekommen kann, die zudem ein breites Einsatzgebiet versprechen. Mein Drang nach Selbst-Erfahrung hat nach dem durchlesen einiger Posts in entsprechenden Internetforen zugenommen. Schon lustig, was für Kommentare da immer wieder zu lesen sind und dies in einer Bandbreite von „grottenschlechter Billigramsch“ über „habe keinen Unterschied gespürt“ bis hin zu „das Beste was es je zu kaufen gab seit das Rad erfunden wurde“.
 
Nun denn, ich war gespannt!

Kumho Ecsta XS KU 36  225/45-17  
(auf 2002 Subaru Impreza WRX STI Prodrive, 265 PS, Allrad, Fahrwerk / Chassis / Bremsen / Auspuff optimiert)

 
Optisch sehen die Kumhos ja ganz sportlich aus… aber da kommt schon die erste Verwirrung vor der Montage. Das Profil ist irgendwie asymmetrisch, worauf ich (neben der Laufrichtung) schliesse, dass die Pneu mit links bzw. rechts gekennzeichnet sein müssten. Sind sie aber nicht. Ich suche und suche, zweifle an mir, ob ich einen Denkfehler mache oder sogar bei der Bestellung nicht drauf geachtet habe. Eine Erklärung finde ich keine, beziehungsweise, es gibt nur eine „Sorte“ der XS KU 36. Also mit einem etwas komischen Gefühl aufziehen die Dinger und schauen ob sie was taugen. Dabei gehen mir die oben genannten Posts à la „billiger Fernost Schrott“ durch den Kopf…tsstss, sieht irgendwie komisch aus von hinten, wenn das Profil links und rechts nicht in die gleiche Richtung schaut… vielleicht kann mir hier jemand die Antwort geben??
 
Egal, jetzt wird gefahren! Im Alltag verrichten die Südkoreaner einen unauffällig positiven Dienst. Sie vermitteln ein etwas direkteres Fahrgefühl als die eine Stufe darunter eingeordneten sportlichen Strassenreifen. Auch vom Grip her ist eine Steigerung zu spüren. Dabei erstaunt es mich, dass bei niedrigen Temperaturen (ja sogar auf nasser Fahrbahn) schon eine zuverlässige, hohe Querbeschleunigung aufgebaut werden kann und auch das Bremsverhalten ist ohne Tadel. Es macht richtig Spass, den STi einen Alpenpass hinauf zu scheuchen, Kurven zielgenau anzupeilen und die Traktion des ausgeklügelten Allradantriebs mit Differenzialsperren zu geniessen. Vergessen ist das komische Profil und ich bin auf der anderen Seite der Post-Skala angekommen; „die besten Reifen die ich je fürs Geld gekauft habe“.
 
Jetzt geht es aber ans Eingemachte und ab für einen Tag auf den Salzburgring. Im ersten Turn, bei etwa 12 Grad Aussentemperatur und noch nicht mit dem Messer zwischen den Zähnen, machen die Kumhos einen zuverlässigen, unkomplizierten Job und brauchen keine lange Phase zum warmfahren. In der Box dann den Luftdruck zwei,- dreimal anpassen, so dass anschliessend die Gangart verschärft werden kann…und ab da zeigt der Reifen seine Grenzen auf. Etwa drei Runden gehen zügig, jedoch nicht ganz mit dem Grip z.B. eines Michelin Pilot Cup, aber doch spassig. Danach beginnt das grosse Schmieren, vor allem über die Vorderachse… ich hasse untersteuern!!! Der Subaru trifft keinen Scheitelpunkt mehr am Kurveninnenrand und natürlich verschlimmerte sich das Geschiebe noch durch die weitere Erhitzung. Da gibt es nur ein Rezept, nämlich die Fahrweise anpassen. So muss ich mit deutlich geringerer Geschwindigkeit in die Kurven einlenken, Geduld haben bis zum Kontakt des Innencurb, um die Reifen an der Vorderachse nicht zu „überfahren“, damit  dann einigermassen früh das Gaspedal in Richtung Bodenblech gedrückt werden kann. Den Rest erledigt die nach wie vor hervorragende Traktion des ÄSTIEI. Das alles ist nicht wirklich gefährlich oder mit mehr Risiko verbunden, es macht einfach weniger Spass und ist langsamer. Positiv aufgefallen ist mir hingegen noch der geringe Verschleiss, trotz der Überforderung des XS KU 36 bei entsprechendem Renntempo. Ein Trackday macht den Reifen nicht fertig, ich kann ihn anschliessend noch gut für einige Zeit im Alltag fahren.
 
Fazit
Für den sportlichen Alltag kann ich den Kumho mit gutem Gewissen weiterempfehlen. Er funktioniert bei allen Bedingungen (OK, im Schnee wohl kaum) zuverlässig, fühlt sich sportlich an, sowohl was den Grip, die Rückmeldung als auch die Direktheit betrifft. Die Laufleistung ist erstaunlich hoch und vor allem der tiefe Preis ist im Verhältnis zum hohen Fahrspass kaum zu toppen. Auf der Rennstrecke enttäuscht der Pneu eigentlich nicht wirklich… es wäre ja zu schön gewesen, wenn er da auch noch alles gekonnt hätte. Vom reinen Speed her bin ich sogar positiv überrascht, was ein wenig fehlt ist die Ausdauer bei steigender Temperatur des Gummis. Ich könnte mir vorstellen, dass im Touristenverkehr der Nordschleife, wo man nicht permanent am Limit unterwegs ist, der Reifen gut genutzt werden kann. An einem Trackday jedoch, mit nicht allzu viel Verkehr und wo mehrere Runden am Stück geheizt werden kann, sind die Unterschiede zu einem reinen Semi-Slick klar ersichtlich.

Und das mit dem Profil habe ich immer noch nicht kapiert!?!

Federal RS-R 595 vorne 225/40-18 / hinten 245/35-18 
(auf 2014 BMW M135i, 320PS, Heckantrieb, Fahrwerk / Bremsen / Felgen optimiert)

 
Die taiwanesischen Federal RS-R 595 habe ich schon einmal auf dem oben genannten Subaru montiert gehabt, jedoch fuhr ich damit nur auf der Strasse und keine Rennstrecke. Weil ich grundsätzlich einen guten Eindruck hatte, bestellte ich einen Satz für den leicht optimierten BMW M135i. Über diese Erfahrungen möchte ich nun berichten.
 
Im Alltag fühlen sie sich ähnlich an wie die bereits beschriebenen Kumho Ecsta XS KU 36, einfach mit subjektiv noch etwas mehr Grip bei hoher Kurvengeschwindigkeit. Auch diese Pneu vermitteln ein direktes Fahrgefühl, brauchen kaum Zeit um auf Temperatur zu kommen und zudem kommt im Regen keine Panik auf. Und auch hier gilt: der Preis ist heiss und der Fahrspass stimmt eindeutig.
 
Aufgrund meiner Erfahrungen vom Kumho, war ich gespannt, wie sich der RS-R auf der Piste schlägt. Darum zwei Tage Imola gebucht, und gleich noch einen zweiten Satz im Heck des BMW verstaut (das geht bei keinem 911er)…man muss ja wieder mit guten Pneu nach Hause fahren…habe ich mir gedacht, aber es kam anders… doch dazu später mehr.
Nebenbei bemerkt, die Rennstrecke von Imola ist der Hammer, eine der heissesten Gassen die ich je gefahren bin! Schön in die Landschaft eingebaut, es geht auf und ab, schnelle und langsamere Stücke wechseln sich ab, der Grip ist gut, der Asphalt hat wenig Wellen, die Curbs laden ein, um sie bei der Ideallinie mit einzubeziehen. Die Tradition und ein gewisser Mythos (vor allem wenn man jede Runde am Gedenk-Schrein von Ayrton Senna vorbei fährt) ist deutlich zu spüren.

Zurück zu den Reifen: Auch im Trackmodus sind Parallelen zum oben genannten Ecsta gut zu erkennen. Sie brauchen kaum Zeit um auf Temperatur zu kommen und der Fahrspass ist sofort da. Auch hier gilt natürlich, immer wieder der Reifendruck im Auge behalten und wenn nötig anpassen. Der Kurvenspeed und die Traktion sind echt beeindruckend, lediglich beim harten Bremsen und in schnellen Wechselkurven könnte die Karkasse etwas steifer sein um noch einen Tick präziser zu reagieren. Doch das funktioniert alles sehr gut, wenn man bedenkt, was die Reifen im Alltag können und wie günstig sie sind. Die grosse Frage ist, haben die Federal auch Ausdauer? Tja, äh, jein! Im Gegensatz zu den Kumho klar mehr, wobei ein Teil auch am sehr gut ausbalancierten BMW liegen mag. Aber der Unterschied ist schon ziemlich gross, denn bevor der RS-R beginnt zu schmieren, können mindestens  fünf, sechs Runden beherzt gefahren werden, bevor die Performance allmählich nachlässt…dann fahren dir die (etwa gleichwertigen) Autos mit reinen Semi-Slicks langsam aber sicher davon. Aber auch wenn der Federal langsam die Segel streicht und unter der Anstrengung zu jammern beginnt, fühlt sich das noch sehr sicher an und macht im M135i sogar noch grossen Spass… denn dann startet die Querfahrerei. Danke BMW, dass das ESP für mündige Autofahrer, die wissen was sie tun, komplett deaktivierbar ist!

Im gutmütigen Kurveneinfahrtsdrift bergab auf der Bremse mit über 150 Sachen in die „Acque Minerali“ rein, kontrolliert mit leichtem schieben über beide Achsen den Scheitelpunkt der Doppelrechts treffen und dann nach zackigem Richtungswechsel wieder bergauf mit leichtem Radversatz der nächsten Geraden entgegen. Nicht mit rauchenden Reifen oder extrem quer, einfach immer mit etwas Bewegung im Heck, um so die Hinterachse zum mitlenken zu nutzen. Herrlich, zwar nicht mehr ganz so schnell, aber der BMW macht abartig Laune…kein untersteuern, juhu!!! I liab den klain' Bayern, der übrigens die beiden Tage mit Bravour gemeistert hat, trotz Turns von 20-30 Minuten am Stück und mit wenig Rücksicht auf sein Wohlbefinden. Thermikprobleme? Nicht aufgetreten. Auch waren einige Chauffeure von Porsches, Lotus, Audis, etc. beeindruck vom angeschlagenen Tempo des 1ers und glaubten kaum, dass der Motor kein Tuning hat. Gutes Fahrwerk (und vor allem die korrekte Einstellung dessen), standfeste Bremsen und passende Reifen sind meiner Meinung nach die effektiveren Tuningmassnahmen als reine Motorleistung…oder noch schlimmer, optisches Blingbling-Pimp-LED-Tuning…aber jedem das seine. Noch kurz, nicht dass der Eindruck entsteht, dass ich grundsätzlich ein grosser BMW Fan bin, aber der M135i macht echt Spass im Alltag und funktioniert auf der Rennstrecke prima. Duck wird zu einem späteren Zeitpunkt noch einen separaten Bericht über dieses Auto verfassen.

Nun zu der angedeuteten Geschichte, warum trotz der gebotenen Performance für mich die Marke Federal in Zukunft absolut disqualifiziert ist. Vor dem letzten Turn des zweiten Tages in Imola habe ich die gebrauchten RS-R abgezogen und neue montiert. Da sehe ich, dass bei den „alten“ Hinterreifen quer über die Lauffläche ein tiefer Riss entstanden ist. Ich erschrecke zuerst, denn das hätte ja auch ins Auge gehen können. Denke dann aber „nochmals Schwein gehabt“ und ein Produktionsfehler gibt’s selbst in der Formel 1. Also die Neuen um die Felgen gezogen, Luftdruck angepasst und für etwa 5 Runden zum letzten mal raus auf die Strecke. Alles funktioniert tiptop.

Am nächsten Morgen vor der Heimfahrt den Luftdruck wieder auf „Strassenverhältnisse“ angepasst und ab geht`s auf die Autostrada. Nach gut 30 km (die Reifen waren ein Tag alt, hatten keine 100km drauf und er Luftdruck war wieder korrekt angepasst) komme ich in den unfreiwilligen Genuss eines Adrenalinschubes der überraschenden Sorte. Auf der Überholspur mit eingeschaltem Tempomat bei 150 km/h zerreisst es mir unvermittelt den rechten Hinterreifen, die grosse Lenkradakrobatik beginnt! Im Rückspiegel vor lauter Rauch kaum mehr zu erkennen, wie ich jetzt die drei Spuren bis zum Pannenstreifen überqueren kann. Ich mag es ja grundsätzlich, wenn das Heck nicht stur der Vorderachse nachläuft und ein gewisses, konstruktives Eigenleben hat, aber das ist jetzt eindeutig destruktiv bis potenziell tödlich. Nicht geil! Ich erreiche dann den rechten Fahrbahnrand unbeschadet und begutachte die Misere im Radkasten. Kaum zu glauben, dass die OZ-Felge ganz geblieben ist und auch der Kotflügel ausser etwas Schwarzmalerei nichts abbekommen hat. 
Das ist ein taiwanesischer Scherz.

Meine Liebe zum BMW wird dann auf eine harte Probe gestellt, als mich im Kofferraum anstelle eines Ersatzrades ein mickriges Tire-Fit hämisch anzugrinsen schein... das nützt jetzt in etwa soviel wie ein Wasser-Instantpulver in der Wüste, wo man nur Wasser dazugeben muss und schon hat man fertiges Wasser!

Der Rest der Geschichte, wie ich abgeschleppt werde, an einem Samstag mitten in der italienischen Pampa einen neuen (nicht ganz passenden) Reifen organisiere und dann einen Wucherpreis (200 Euro) für die Montage bezahle, würde ein halbes Buch füllen, weshalb ich darauf verzichte. Jedoch, BMW Schweiz hat mir nach ein paar bürokratisch geregelten Abläufen tatsächlich CHF 300.00 für meine Umtriebe gutgeschrieben. DAS ist Kundenservice, wie man ihn sich wünscht, meiner Meinung nach geht das sogar über das zu Erwartende hinaus.
Letztendlich möchte ich euch nicht vorenthalten, dass ich bei der Demontage des scheinbar noch guten zweiten Hinterreifen feststellte, dass auch dieser bereits ein Riss quer über die Lauffläche hatte. Zusammengefasst waren 3 von 4 Federal RS-R 595 Hinterreifen fehlerhaft bis lebensgefährlich defekt! WTF? Made in Taiwan ab jetzt ohne mich!
 
Solche Bilder findet man im Internetz zu Hauf... 
 
Unfassbar!
 
Auch noch erwähnenswert ist, dass ich einerseits von meinem Pneuhändler anstandslos den Kaufpreis rückerstattet bekam. Andererseits scheint der deutsche Federal-Importeur in einen Todstellreflex geraten zu sein, denn trotz der genauen Schilderung der Vorfälle habe ich bis heute keine Rückmeldung erhalte, vielleicht hätte ich taiwanesisch schreiben sollen?
 
Fazit
viele gute Dinge kommen aus Taiwan, aber Federal RS-R 595 Reifen gehören definitiv nicht dazu! Die Dinger taugen bestenfalls als Unterlage für den Couchtisch in der Garage oder als Daseinsberechtigung einer guten Vollkasko.
 
Im dritten und vorerst letzten Teil geht es dann um den Yokohama Neova AD08 und den Michelin Pilot Sport Cup.


 
 
 
Erfahrungen: sportliche Reifen für die Strasse - 1. Teil
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Über Mr.Goodstuff

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

3 Kommentare :

  1. Man sollte mal das KBA in Flensburg mit einbeziehen.
    Vielleicht tut sich dann mal was...

    Grüße, retseroF

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  2. Ist der Reifen, der noch auf dem BMW montiert abgebildet ist, der Länge nach gerissen? Nicht quer, wie der andere Reifen auf dem letzten Bild?

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    1. Genau, der geplatze Reifen ist der Länge nach gerissen. Die anderen beiden defekten Federal hatte Querrisse.
      Schöne Grüsse

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